Von Broccoli, Hochstühlen und einem schwindenden Kinderwunsch

Eins vorweg: Klein C. war ein totales Anfängerbaby. Schlief schnell durch, hatte keine Koliken und schrie nur, wenn sie Hunger hatte oder müde war.

Wie einfach damals noch alles war. Pünktlich zu ihrem ersten Geburtstag haben auch die Trotzanfälle angefangen. Lautstark tut sie ihren Willen kund. Und der kann manchmal kuriose Dinge umfassen. Etwa, im WC zu planschen. Oder Brötchen in winzig kleine Stücke zu reissen und in allen möglichen Schubladen zu verteilen. Oder jedes noch so kleine Stück Papier oder Plastik liebevoll zu kauen. Ihr kennt das sicher…

Interveniere ich (was ich selbstverständlich tue), bricht eine Donnerwetter los. Sie läuft purpurrot an, schreit, als würde sie gefoltert und beginnt mit ihren süssen, kleinen Beinen zu stampfen.

Ganz schlimm war es in unseren Ferien in Abu Dhabi. Da, und ausgerechnet da, hatte sich Klein C. in den Kopf gesetzt, dass alle Hochstühle, bei denen es sich nicht um einen Tripp Trapp handelt, bösartig sind. Kaum sass sie darin, begann sie zu schreien, als ob es kein Morgen gäbe. Nicht gerade angenehm in vornehmen Restaurants.

Zuerst dachten wir, dass ihr das Essen nicht schmeckte. Und bestellten uns panisch einmal durch die Menü-Karte durch. In unserer Verzweiflung bestellten wir sogar den ungefähr ungesundesten Kinderklassiker: Pommes Frites. Aber nichts half. Alles flog in hohem Bogen auf den Boden. Normalerweise ein sicheres Zeichen, dass Klein C. fertig gegessen hat.

Also nahmen wir das immer noch schreiende, und inzwischen sehr rotgesichtige Kleinkind aus dem Hochstuhl und liessen es auf die Restaurantgäste los. Klein C. rannte herum, zielsicher zwischen den Beinen der Kellner hindurch und hob jede Serviette auf, die sie finden konnte,und steckte sie in den Mund. Zum Glück lieben die Araber Kinder, dachten wir uns, und liessen das Kind weiterwüten. Denn statt böser Blicke erntete die Tochter pures Verzücken. Wurde hochgehoben, bekam Guetzli und Ballons geschenkt.

Leider dauerte diese, für uns ruhige, Phase etwa fünf Minuten. Dann stand Klein C. wieder vor mir. Ja genau, vor mir, denn zur Zeit ist sie hauptsächlich an ihrer Mama interessiert. Sie streckte ihre Ärmchen hoch und machte lautstark klar, dass sie hochgehoben werden wollte. Und zwar jetzt sofort.

Ich ergab mich meinem Schicksal und setzte sie auf meinen Schoss. Entfernte noch schnell Glas und Messer aus Tochters Reichweite. Als ich wieder auf den Teller schaute, fehlte ein grosses Stück Broccoli. Dafür hatte das Kind Hamsterbacken.

Klein C. ass genüsslich direkt von meinem Teller. Sogar den scharfen Thai-Rindfleischsalat. Die eine Hälfte landete in ihrem Mund, die andere auf meinem Kleid. Auch die Hälfte des Reises, versteht sich.

Da dämmerte uns, dass Klein C. wohl einfach ganzer Teil unserer Tischrunde sein wollte. Wir versuchten es am nächsten Abend trotzdem nochmal mit dem Hochstuhl. Es dauerte keine Minute, bis das Gebrüll losging. Und dieses Mal so laut, dass man beobachten konnte, wie der Kinderwunsch der jungen Frau am Nebentisch mit jedem markerschütternden Schrei kleiner wurde.

Ich fügte mich meinem Schicksal. Und begann, meinen Schoss mit gefühlten drei Metern an Servietten zu polstern. Klein C. war glücklich und strahlte mich an, als wäre nie etwas gewesen.

Wieder zu Hause gingen wir davon aus, dass das Drama anhalten würde. Dass die Hochstuhl-Verweigerungsphase etwas Permanentes wäre. Wir setzten Klein C. in ihren Tripp Trapp und warteten.

Und warteten. Nichts geschah. Ausser, dass Klein C. begann, sich das Essen in den Mund zu schieben (Broccoli!), gleichzeitig winkte, klatschte und uns den Vogel zeigte.

Sie war glücklich. Und wir auch. Zumindest ein wenig. Denn klammheimlich fragten wir uns, welche Phase uns als nächstes droht. Und wie wohl die „Terrible Twos“, also die schlimmste Trotzphase zwischen zwei und drei Jahren, werden wird.

Deborah Lacourrege

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