„Das ist aber ein hübscher Junge“ oder die ewige Gender-Diskussion

Die Gesellschaft und ich – wir haben ein Problem. Meine Tochter wird partout für einen Jungen gehalten. Erst letzte Woche im GZ-Spielplatz hat ein rosa-berüschtes Mädchen meine Tochter interessiert angeschaut. Und seine Mama meint gleich: „So süss Ella, der kleine Junge. Jetzt flirtest du schon!“

Genervt habe ich weggeschaut und meiner Tochter den blauen Overall ausgezogen. Darunter kam ein Outfit zum Vorschein, das zwar nicht Rosa aber doch offensichtlich feminin war. Die andere Mutter wechselte darauf hin kein Wort mehr mit mir. Ich hoffe, es war ihr ein wenig peinlich. Nicht, dass es mich stören würde, dass ein Mädchen mit meiner Tochter „flirtet“. Aber es nervt, wenn alle Welt glaubt, dass es sich bei Klein C. um einen Buben handelt.

Kurze Haare = Junge?

Bekannte haben mich schon gefragt, was mich denn eigentlich daran störe? So genau definieren kann ich es nicht. Aber lasst mich meine Leidensgeschichte erzählen, dann könnt ihr es vielleicht nachvollziehen. Seit sie wenige Tage alt ist, wird Klein C. als Junge abgetan. „Das ist aber ein Hübscher“, „so ein Zufriedener“, „was für ein süsser Junge“, sind die Sätze, die ich mir in der Öffentlichkeit anhören muss.

Zum einen hat das sicher mit der eher burschikosen Frisur zu tun. Klein C. kam zwar mit Haaren zur Welt, verlor sie dann aber schnell und trug lange Zeit Glatze. Inzwischen würden sie zwar in den Nacken reichen. Da Klein C. aber Locken trägt, wirken sie immer noch kurz. Und viele Leute machen offenbar die Gleichung „Kurze Haare=Junge„.

Zum anderen liegt es wohl daran, dass Klein C. nicht ununterbrochen wie eine explodierte Zuckerwatte rumläuft. Es darf zwar auch mal rosa sein, aber nicht ausschliesslich. Ursprünglich dachte ich mal, dass es reichen würde, Klein C. feminin zu kleiden. Etwa in weisser Mütze mit Schleife oder in blauem Jeans-Kleid. Das war eine Illusion. Offenbar schaut man bei kleinen Kindern nicht so genau hin. Was ja irgendwie zwar in Ordnung ist. Gleichzeitig sabotiert es aber meine Anstrengung, meine Tochter halbwegs geschlechtsneutral zu kleiden.

Macht rosa Kleidung Mädchen?

Offenbar ist unsere Gesellschaft der Meinung, dass Kinder in geschlechtsneutralen Outfits Buben sind. Ob das mit unseren patriarchalischen Denken zu tun hat? Dass das Unterbewusstsein denkt, jede Mutter freut sich, wenn ihr Kind für einen Jungen gehalten wird? Ich denke, genau diese Tatsache nervt mich. Denn ich bin stolze Mädchen-Mama. Ich hoffe, dass wir Frauen in der Schweiz endlich gleichberechtigt sein werden, wenn sich Klein C. ihre erste Stelle sucht. Ich hoffe, dass sie endlich den gleichen Lohn wie ihre männlichen Kollegen bekommt und sich bei Vorstellungsgesprächen nicht dafür rechtfertigen muss, dass sie möglicherweise schwanger werden könnte.

In meine Verzweiflung begann ich Klein C. öfter in rosa Kleider zu stecken. Das half… nun ja, ein bisschen. Ich möchte an dieser Stelle nur ganz scheu erwähnen, dass Rosa lange Zeit als Bubenfarbe galt. Aber einige renitente Exemplare waren immer noch der Meinung, dass mein süsses, süsses Mädchen, dem männlichen Geschlecht angehöre. In solchen Situation mache ich nur eines: Lächeln, mich für das Kompliment bedanken. Sagen, dass „sie“ wirklich eine hübsche sei und weglaufen, bevor ich das peinlich-berührte Gesicht meines Gegenübers sehen muss.

Ich habe mir übrigens schon öfter überlegt, Klein C. Ohrenringe stechen zu lassen. Nicht nur, weil ich es wahnsinnig süss finde, sondern auch, weil ich hoffe, damit diesem ewigen Ärgernis ein Ende zu setzen. Ich habe es dann aber doch gelassen. Klein C. soll selber entscheiden, ob sie sich ihre Ohren piercen lassen möchte.



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Deborah Lacourrege

4 Comments

  1. Antworten

    Sibylle

    13. Februar 2017

    Mich würden solche Bemerkungen auch nerven. Ich will mein Kind auch nicht ganz in pink kleiden, aber sie soll schon aussehen wie ein Mädchen, deshalb trägt meine Tochter meistens oben „Mädchen Farben“ (rosa, pink, lila) und unten neutrale oder „Jungen Farben“ (Jeans, dunkelblau, hellblau, grau).

    • Antworten

      Mamar Rocks

      13. Februar 2017

      so versuchen wir das ja eigentlich auch. aber hilft halt nicht immer… 🙂

  2. Antworten

    Conny

    14. Februar 2017

    Also mein Kleiner ist bald 14 Monate alt und wird trotz ziemlich deutlichen Jungs-Kleidern auch immer für ein Mädchen gehalten. Er ist fein und hat nach 12 Monaten „Glatzenphase“ nun blonde Engelslöcklein,die ich einfach nicht übers Herz bringe zu schneiden.Mich hat das „jöö,das isch aber e herzigs Meiteli“ länger auch gernervt..jetz nehm ich die Komplimente an und sag „komm Flavio,lass uns weiter gehn“ die Reaktionen sind teilweise köstlich ;0) Manchmal denk ich,das sind so Standardsprüche der Leute..ohne genau hinzuschauen. Hauptsache wir haben für uns die süssesten Kiddies..egal ob girl oder boy.

  3. Antworten

    Ramona

    16. Februar 2017

    Ich wurde als Baby/Kleinkind auch immer für einen Jungen gehalten und meine Mama hat sich damals füechterlich geärgert.
    Hat sich aber weder auf meine körperliche Entwicklung noch auf meine Persönlichkeit negativ ausgewirkt.
    Heute lachen wir alle drüber und mein Opa sagt immer zu mir: wer hätte gedacht dass aus dem kleinen Bub eine so schöne und kluge Frau wird 😉

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