Ein Wochenende in der Jugendherberge Scuol im Engadin

Jugendherbergen. Wer erinnert sich da nicht an kratzige Decken und miefige Massenschläge? Das Klischee hält sich anscheinend bei einigen Leuten immer noch. Ich habe bis jetzt erst einmal in einer Jugendherberge übernachtet, im Sommer 2003 in Lausanne. Und schon damals war nichts kratzig und miefig. Dementsprechend vorurteilsfrei freute ich mich über die Einladung der Schweizer Jugendherbergen für ein Wochenende im Engadin.

Günstig und modern übernachten im Engadin

Ab Zürich ist man mit dem Zug ganz entspannt weniger als drei Stunden in Scuol (einmal umsteigen in Landquart inklusive). Die topmoderne Jugendherberge Scuol liegt direkt gegenüber des Bahnhofs etwas oberhalb von Scuol. Das erste Highlight für Klein C. waren die unzähligen Johannisbeerbüsche direkt beim Eingang. Für einen gesunden Snack ist also jederzeit gesorgt.

Die etwas über 160 Betten sind auf Sechser-, Vierer- und Doppelzimmer verteilt. Viele der Zimmer haben auch ein eigenes Bad. Ein Doppelzimmer mit Bad gibt es ab CHF 60.- pro Person inkl Frühstück. Unabhängig von der gewählten Zimmerkategorie bezahlen Kinder von 2 bis 5 Jahren nur CHF 15.— und von 6 bis 12 Jahren nur CHF 25.— pro Nacht im Zimmer der Eltern, inklusive Frühstück. Babys von 0 bis 2 übernachten gratis im Babybettchen. Wir waren in einem schönen Doppelzimmer mit tollem Ausblick untergebracht. Alle Zimmer sind zweckmässig, modern, hell und sauber.

Scuol – Mineralwasser aus dem Brunnen

Doch an eine Pause war erstmals nicht zu denken, eine Dorfführung durch Scuol stand auf dem Programm. Wir lernten viel spannendes über die spezielle Bauweise der Engadiner Dörfer (alle Häuser sind mit Sicht auf den Dorfbunnen gebaut, weil dort immer der ganze Klatsch und Tratsch stattfand). A propos Brunnen: rund um Scuol gibt es viele Mineralquellen, welche zum Teil direkt in die Dorfbrunnen eingespeist werden. So gibt es an vielen Brunnen verschiedene Wasserhähne. Einen für normales Wasser und einen für kohlensäurehaltiges Mineralwasser, oder stark eisenhaltiges Quellwasser. Zu verdanken hat Scuol das Mineralwasser dem sogenannten „Unterengadiner Fenster“, einer geologischen Besonderheit. Wer mehr über das Mineralwasser und die geologischen Eigenheiten des Unterengadins erfahren möchte, findet hier alle Informationen.

Klein C. konnte sich leider noch nicht so wahnsinnig für die Ausführungen über die Geschichte von Scuol (erste Spuren gehen bis ins Jahr 1’500 v.Ch. zurück) begeistern. Das Wasser in den Brunnen war viel spannender…

Essen in der Jugendherberge – einfach und unkompliziert

Für das Abendessen gings dann wieder in die Jugendherberge zurück. Das einfache, aber gute Tagesmenü (Selbstbedienung, Auswahl hat man keine) kostet für Erwachsene CHF 17.50 pro Person. Gegessen wird an grossen, langen Tischen, man kommt also ganz sicher mit anderen Gästen in Kontakt. Für die ganz Kleinen stehen viele Spielsachen zur Verfügung. Niemand stört sich, wenn es während dem Essen auch etwas lauter zu und her geht. Für die etwas grösseren Kids steht im Untergeschoss ein Spieleraum zur Verfügung. Wer Ruhe sucht, findet diese in der wunderschöne Arvenholz-Lounge mit Blick auf die Engadiner Bergwelt.

Auf den Spuren der Bären am Mot Tavrü

Am nächsten Morgen ging es früh los. Mit dem Postauto fuhren wir durch die spektakuläre Clemgia Schlucht in Richtung S-charl (**). Kurz vor dem wunderschönen Bergdorf startet der Bärenthemenweg „Senda da l’uors“. Auf etwa 1.5 km können Kinder und andere Bärenfans alles Wissenswerte über Meister Petz erfahren. Der Bärenpfad endet beim Museum Schmelzra (Museum dals miniers e dad uors) welches eine schöne Ausstellung über die historische Silber- und Bleierzmine, sowie über den Braunbären zeigt. Der letzte Schweizer Bär wurde übrigens 1904 ganz in der Nähe geschossen. Danach dauerte es 101 Jahre bis wieder ein Bär in der Schweiz gesichtet wurde. Keine zwei Wochen nach unserer Reise wurden bei S-Charl zwei Schafe von einem Bären gerissen. Für Wanderer besteht aber überhaupt keine Gefahr.


Klein C. liebt Bären („Bäääh!“), und auch im Bärenmuseum hatte sie viel Spass. Für den Bärenweg war sie aber doch etwas zu klein und wir haben uns entschlossen an einer Wanderung inklusive Wildtierbeobachtung teilzunehmen. Dem Papa wurde folglich kein Bär, sondern ein Kleinkind aufgebunden. Mit knapp 12 kg Gewicht am Rücken (nicht in einer Kraxe – so heissen die Wanderrucksäcke in die man Kinder setzen kann offiziell – sondern in der Luemai Tragehilfe) gings mit einem Nationalpark Ranger in Richtung Mot Tavrü.

Wanderung von S-Charl zum Mot Tavrü

Die Wanderung selber verläuft jeweils ausserhalb des Nationalparks. Und das ist für eine Wanderung mit Kindern auch besser. Warum? Im Nationalpark dürfen die Wege auf keinen Fall verlassen werden. Ausserhalb des Parks darf man etwas weg vom Weg, die müden Füsse im Bach erfrischen oder auch mal ein schönes (nicht geschütztes) Alpenblümlein pflücken.

Auf dem Weg zum Gipfel des Mot Tavrü konnten wir Hirsche und Murmeltiere beobachten. Klein C. hatte aber an den Kühen („Muhe!“) und Schmetterlingen am meisten Freude. Die schwangere Mama und Klein C. machten dann bei der Alp Tavrü  auf 2121 Metern über Meer eine Pause, während Papa die letzen paar hundert Höhenmeter alleine unter die Füsse nahm. Vom Mot Tavrü hat man einen spektakulären Blick in den Nationalpark und kann Gämsen und Hirsche beobachten.

Salsiz selber herstellen & viele weitere Erlebnisse

Optimalerweise plant ihr für eine Wanderung einen ganzen Tag ein. Für uns ging es aber am Nachmittag nach einer kleinen Pause schon weiter. Ludwig Hatecke, der Inhaber der traditionellen Metzgerei Hatecke nahm uns in seinem „laboratori dal gust“ auf eine Entdeckungsreise in das Trockenfleischhandwerk der „Bacharia Engadinaisa“. Bei einem guten Glas Wein (für Mama und Klein C. gabs Rivella) degustierten wir uns durch allerlei wunderbare Salsizvarianten.

Im Felsenkeller gab es dann mehr zu tun als nur die Salsize beim trocknen zuzuschauen. Wir packten tatkräftig an. Kinder ab 7 Jahren dürfen hier selber ihren Salsizette herstellen. Trotz fehlenden 5 Jahren und dem Fakt, dass Klein C. die Salsizette profan als „Wüschtli“ bezeichnet (in der Salsiz-Szene sicher ein Sakrileg) durfte sie auch mithelfen und wird in wenigen Wochen ihren ganz persönlichen Salsizette per Post nach Hause geschickt bekommen.

Wer keine Lust auf Salsiz hat, kann aus vielen weiteren Erlebnissen auswählen. Vom kreativen Keramikmalen, Familienrafting auf dem Inn, Käsen auf einer Alp bis hin zum Backen einer Nusstorte bietet Scuol alles was das Erlebnis-Herz begehrt.

Nach einer weiteren Nacht in der Jughendherberge entschieden wir uns, das Wochenende ganz entspannt mit einem Besuch im Bogn Engiadina abzuschliessen und die ursprünglich geplante Trotinett-Abfahrt auf unseren nächsten Ausflug ins Engadin zu verschieben. Das Thermalbad ist jeweils ab 08 Uhr Morgens geöffnet, Kinder haben jedoch erst ab 10:30 Uhr Zutritt. Finden wir fair. Wir können sehr gut nachvollziehen, wenn jemand in aller Ruhe baden möchte. Auch wenn wir mit Klein C. nur einen kleinen Teil des Bades erkunden konnten (kein römisch-irisches Bad für uns) hatten wir grossen Spass.

Sehr müde und sehr entspannt machten wir uns dann am Nachmittag wieder auf den Weg zurück nach Zürich.

Nachtrag: Ende Oktober ist der Salsiz nun bei uns angekommen!

 

*  Wir wurden von den Schweizer Jugendherbergen eingeladen, der Artikel widerspiegelt aber unsere persönliche Meinung.




Deborah Lacourrege

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