Weshalb unsere Gesellschaft Mädchen bevorzugt

Ich gebe es zu, ich habe mir immer eine Tochter gewünscht. Ein Mädchen, zu dem ich hoffentlich eine enge Bindung aufbauen kann, mit dem ich meine Interessen teilen und hübsche Kleider anziehen kann. Dieser Wunsch wurde mir in der ersten Schwangerschaft erfüllt.

Als ich zum zweiten Mal schwanger wurde, hatte ich keine Präferenz. Klar, ein Junge wäre toll, aber auch ein weiteres Mädchen süss. Weil meine Schwangerschaften so ähnlich verliefen (mit der Ausnahme, dass ich noch immer keine Linea Negra habe), waren der Papa und ich zu 100 Prozent überzeugt, dass es wieder ein Mädchen geben würde. Wie sehr wir uns doch irrten – beim grossen Organultraschall war da ganz klar etwas zwischen den Beinen zu sehen.

Nach anfänglichem Schock (wir mögen Überraschungen nur so mittelmässig) begannen wir uns wahnsinnig auf unseren Sohn zu freuen. Offenbar stehen wir damit aber auf weitem Felde alleine. Als ich den Leuten während der ersten Schwangerschaft mitteilte, dass wir ein Mädchen bekommen würden, hiess es nur: „Ach wie süss!“, „Jööööööh!“, „Das passt du euch!“

Mädchen sind einfacher

Dieses Mal muss ich mir ganz andere Dinge anhören: „Oh, da kommt was auf euch zu!“, „Oje, jetzt wird es wild!“, „Du wirst sehen, Jungs sind ein ganz anderes Kaliber als Mädchen!“ Was soll ich schon darauf antworten? Eigentlich dachte ich immer, wir lebten in einer Gesellschaft, in der Jungs bevorzugt werden. Aber das ist offenbar nur im Erwachsenenalter – wenn Männer als kompetent und Frauen als Schwangerschaftsrisiko eingeschätzt werden – der Fall.

Im Kindesalter werden Mädchen ganz klar bevorzugt. Weshalb? Weil sie als einfach gelten. Als ruhig, angepasst, brav. Halt einfach, als einfacher. Klein C. ist nichts von dem. Schon früh musste ich mir anhören, dass mein Mädchen, mein Wildfang, sich wie ein Junge benehme. Und wenn es auch Momente gibt, in denen ich mir wünschte, dass sie sich einfach in eine Ecke hockte und Klötzchen stapelte, so bin ich doch stolz auf meine wahnsinnig aktive, neugierige und lernbegierige Tochter. Dass wir deswegen letzte Woche in der Notaufnahme des Kinderspitals endeten (zum Glück stellte sich die vermeintlich schlimme Verletzung als doch nicht so schlimm heraus), sei nicht verschwiegen.

Ist Charakter eine Frage des Geschlechts?

Und so mag ich einfach nicht an diese Geschlechterklischees glauben. Sollte unser Sohn ebenso wild wie unsere Tochter sein, dann werden sie sich gut verstehen und zusammen Unheil anrichten. Wir werden es überleben. Und trotzdem stolz auf unsere Kinder sein. Sollte er hingegen den ruhigen Charakter seines Papas erben, wird er von Klein C. wohl als lebendige Puppe benutzt und alles stoisch über sich ergehen lassen.

Wir sind gespannt, welche Gene sich dieses Mal durchsetzen. Aber so gar nicht wollen wir uns die Freude auf unseren Sohn nehmen lassen. Einzig vor den Drei-Monats-Kolliken – die bei Jungs statistisch gesehen viel häufiger vorkommen – haben wir ein wenig Angst. Aber auch das werden wir überstehen. Denn das Glück, ein gesundes Neugeborenes in den Händen zu halten, lässt doch alle Geschlechterklischees vergessen.




Deborah Lacourrege

4 Comments

  1. Antworten

    Alexandra von doublyblessedblog

    21. August 2017

    Schade, dass Außenstehende bereits in der Schwangerschaft schon immer über alles unterteilen müssen… Als wir Zwillingsmädchen erwarteten, gratulierten und auch alle, dass werde so schön und sei so süß. Als es dann plötzlich ein Pärchen war, erhielt ich einzeln bereits die Info, dass wir ein wildes Haus haben würden wenn noch Jungs daraus würden 😂
    Bei uns bestätigt sich nun jedoch das Klischee – Er ist von der wilderen Sorte und sie von der ruhigen. Aber: Jeder der beiden wirkt auf sein Geschwisterchen und das ist so toll! Sie lässt sich mitreißen und erlebt unheimlich viel durch ihn und sie lädt ihn ein mit ihr Familie zu spielen oder zu malen und er macht mit obwohl er selbst von sich aus wohl kaum dazu kommen würde 😊
    Ich finde das wunderbar und genieße es diese Wechselwirkung an ihnen mitzuerleben 😊

  2. Antworten

    Alexandra

    21. August 2017

    Beim Lesen deines Blogs denke ich immer, genau das könnte ich auch geschrieben haben. Auch wir haben bereits ein Mädchen, das ein absoluter Wildfang ist. Nun erwarten wir einen Jungen, obwohl wir beide überzeugt waren, dass es wieder ein Mädchen gibt.
    Es wird auf jeden Fall auch bei uns in den nächsten Monaten hoch zu und her gehen! Und ich bin schon auf deine weiteren Blogs gespannt zum Sehen, ob sich unsere Leben weiterhin so ähnlich entwickeln :-).

    • Antworten

      Deborah Lacourrege

      22. August 2017

      Jöööööh 🙂 Wir sind auch gespannt! Halte aus auf dem Laufenden, liebe Alexandra!

  3. Antworten

    Bloggerbienchen

    21. August 2017

    Jaaaa…. Mädchen sind immer lieb und nett, zuckersüß, verschmust, zart und kleine Engel. Jungs sind wild, laut, hassen kuscheln und machen nur Ärger.

    Ich habe eine dreijährige Tochter und einen zweijährigen Sohn und mir scheint es, dass man den Beiden die Charakterunterschiede vergessen hat zu erklären 😉

    Meine Tochter ist ein richtiger kleiner Wildfang und mutig wie ein kleiner Löwe. Sie ist vorwitzig und wilder als andere Mädchen in ihrem Alter. Als Baby hat sie nur wenig gekuschelt und wollte immer die Welt entdecken. Beim Spazierengehen mussten wir, seit sie laufen kann, aufpassen, dass sie mitkommt. Andere Kinder bekommen Angst, sobald sich die Bezugsperson entfernt, meine Tochter dagegen hat das oft gar nicht interessiert ^^‘

    Mein Sohn dagegen ist extrem sensibel und anhänglich. Er war schon immer sehr feinfühlig und klebt auch heute noch viel an mir oder seinem Papa. Er ist extrem verschmust und oft eher ängstlich. Nicht immer, weswegen er sich öfter mal Schrammen einhandelt, genau wie seine große Schwester. Erst seit ungefähr einem halben Jahr wehrt er sich auch mal und ist selbstbewusster geworden. Wenn wir uns beim Spazierengehen etwas entfernen oder er allein zurückbleibt, bekommt er Angst und rennt hinter uns her.

    Unfug machen Beide gleichermaßen und da ist auch keiner schlimmer, als der andere. Entweder sind meine Kinder nicht „normal“ oder diese überzogen dargestellten geschlechterspezifischen Charakterunterschiede sind einfach Blödsinn 😉 Bis zu einem gewissen Grad mag es ja schon zutreffen, dass Jungs wilder sind, aber ich denke, dass das allgemein auch von der Persönlichkeit der Kinder, ihrer Veranlagung und auch zum Teil von der Erziehung abhängt ^^

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