Ein Brief an meine kinderlose Freundin

Mitte 30 hat sich die Welt scheinbar in zwei Lager aufgeteilt: Diejenigen mit Kindern und diejenigen ohne. Viele Freundschaften sind an diesen unterschiedlichen Lebensentwürfen gescheitert, dafür haben sich neue gebildet. Und einige, ganz wenige, sind  seit Jahrzehnten erhalten geblieben. Wir sehen uns vielleicht nicht mehr so oft wie früher. Wenn wir uns aber wiedersehen ist es, als wären wir nie getrennt gewesen. Wir sprechen über alles, teilen unsere Geheimnisse. Nur etwas würde ich euch nie mehr fragen:

„Ich gebe zu, es interessiert mich brennend. Und trotzdem geht es mich nichts an. Mit der Frage, ob du Kinder möchtest, kann ich eigentlich nur alles falsch machen. Denn es gibt nur zwei Antworten auf diese Frage.

Du hast die bewusst gegen Kinder entschieden und hast die ganze Zeit das Gefühl, dich dafür rechtfertigen zu müssen. Wenn nun deine gute Freundin, dich auch noch danach fragt, fühlst du dich vielleicht in eine Ecke gedrängt. Hast das Gefühl, nicht akzeptiert zu werden. Und beschliesst vielleicht, sie noch seltener zu treffen. Es ist ja eh schon nicht einfach, einen Termin mit ihr zu finden. Und dann noch über etwas anderes als Kinder zu sprechen.

Aber lass mich dir sagen, meine liebe Freundin – auch wenn mein Herz deinen Entscheid nicht nachvollziehen kann, so verstehe ich ihn doch. Ich verstehe, dass ich mit mit meinen Augengräben, Silberfäden und gleichmässig verteilten Rotzspuren auf der Kleidung eine abschreckende Wirkung habe. Ich verstehe, dass du lieber auf deine Karriere setzen möchtest. Dass dir das Reisen und die Paarzeit wichtiger ist. Dass du einfach keinen Kinderwunsch verspürst. Ich akzeptiere deinen Entscheid und stehe voll und ganz hinter dir. Ich mag dich als Mensch, auch wenn wir komplett unterschiedliche Lebensentwürfe haben.




Vielleicht möchtest du auch unbedingt Kinder haben. Und dir fehlt noch der richtige Partner dazu. Oder es klappt einfach nicht. Oder du hast schon ganz viele Kinder verloren. Ein unerfüllter Kinderwunsch ist grausam. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was du durchmachen musst.

Und dann hast du vielleicht noch das Gefühl, dass du das alleine durchstehen musst. Über eine Fehlgeburt oder eine künstliche Befruchtung spricht man schliesslich nicht, denkst du vielleicht. Magst diese intimen Dinge nicht Preis geben. Und dann musst du auch immer noch mich anschauen. Ich, die das Glück hatte, zwei gesunde Kinder zu bekommen. Einfach so. Und sich trotzdem immer über ihre Erschöpfung beschwert. Und du denkst dir nur… Ich wünschte mir, ich hätte deine Probleme.

So oder so, meine liebe Freundin, ich würde mich sehr freuen, wenn du dich mir anvertrauen magst. Denn eben, es interessiert mich schon sehr. Ich bin mir sicher, dass ich dich auf die eine oder andere Weise unterstützen kann. Dass wir gemeinsam Lösungen finden, dass wir weiter füreinander da sein können – in guten wie in schlechten Zeiten. Wenn du nicht darüber sprechen magst, ist das auch in Ordnung.

Denn das allerwichtigste ist, dass du meine Freundin bleibst.“

Deborah

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