Ich liebe dich… aber bitte fass mich nicht an!

Ein Abend auf dem Sofa. Die Kinder schlafen endlich. Mein Ehemann rückt immer näher. Und ich rücke mit – weg von ihm. Oder aber: Er kommt freudestrahlend von einem Tag im Büro nach Hause. Öffnet die Arme, beugt den Kopf zum Kuss. Und ich ducke mich ganz instinktiv. Das bleibt vom Ehemann natürlich nicht unbemerkt. Er beschwert sich: Weshalb ich ihn nicht knuddeln möchte? Ob ich ihn denn nicht mehr liebe?

Vom Knuddel-Monster zum Knuddel-Verweigerer

Das bringt mich zum Nachdenken. Ja, wieso mag ich den Ehemann eigentlich nicht knuddeln. Setze mich abends in grösstmöglicher Distanz auf das Sofa, statt mich an ihn zu kuscheln? Gerade ich. Denn eigentlich bin ich ja das Knuddel-Monster schlechthin.

Ja, der Ehemann hat sich in der Vergangenheit oft darüber beschwert, dass ich zu kuschelig sei. Er brauche „professionelle Distanz“, meinte er öfters, wenn wir über gemeinsame Anschaffungen, Steuern oder Finanzen diskutierten. Nur, das war vor den Kindern. Was hat sich geändert? Meine Kinder – ganz die Mama – sind ebenfalls Kuddel-Monster. Ich habe es aufgegeben zu zählen, wie oft ich meine Monsterchen täglich knuddle, wie viele Küsse ich ihnen gebe, wieviele Stunden wir aneinander gekuschelt verbringen.

Gibt es tatsächlich zu viel Nähe?

Das ist wunderbar. Ich geniesse jede einzelne Sekunde unserer körperlichen Nähe. Nur abends, ja abends, da ist mein Bedürfnis ja körperlicher Nähe nicht nur erfüllt. Nein, ich habe ganz einfach eine Überdosis davon. Realisiert habe ich das erst, als in einer Facebook-Gruppe (von Tragemamas, wohlgemerkt) vom Phänomen „Overtouched„, auch „touched out“ genannt, gelesen habe.

Und plötzlich realisierte ich: Ja, es gibt tatsächlich zu viel Nähe. Es gibt tatsächlich zu viel Liebe, zu viele Berührungen. Zumindest für mich. Nach einem Tag mit den Knuddel-Monstern brauche ich meinen Körper einen Moment für mich. Auch wenn es nur eine Viertelstunde ist, in der mich niemand anfasst. Ich brauche diese Zeit, um zu mir selbst zurückzufinden, um neue Energie zu schöpfen.

Steht das im Widerspruch zu den Bedürfnissen meines Mannes, der nach einem Tag im Büro das besondere Bedürfnis nach körperlicher Nähe hat? Natürlich. Aber seit das Phänomen einen Namen hat und er weiss, dass er es nicht persönlich nehmen darf, wenn ich ihm kurzfristig die Kuscheleinheiten verweigere, hat er mehr Verständnis für meine Situation. Gibt mir mehr Zeit für mich. Zeit, in der mich niemand anfasst. Ich dieses Kontaktlose sogar etwas zelebrieren kann.

So kann ich mein „Overtouched“-Gefühl am schnellsten überwinden. So kann ich meine Knuddel-Batterien am schnellsten wieder aufladen. Und so bin ich am schnellsten wieder bereit, auch dem Ehemann die dringend benötigten Kuscheleinheiten wieder zu geben.

PS: Deutschsprachige Artikel zum Thema overtouched / touched out gibts bis jetzt leider noch nicht wirklich. Auf Englisch aber z.B hier und hier.




 

 

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