Alltagsrassismus in der Schweiz – ein Gastbeitrag

„Wenn du Rassismus auf deinem Blog nicht thematisierst, bist du selbst rassistisch“, meinte vor nicht allzu langer Zeit mein lieber Ehemann. Ob diese Aussage stimmt oder nicht, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass mir im Rahmen der „Black lifes matter“-Proteste und -Diskussion einmal mehr bewusst wurde, wie absurd das Konzept des Rassismus ist. Von meiner lieben Freundin Monika allerdings wusste ich leider, dass Rassismus auch hier in der Schweiz ein Thema ist.

Weil ich mich als Person mit heller Hautfarbe wenig kompetent fühle, über Rassismus zu schreiben, bat ich Monika mit ihrer wundervoll karamellfarbenen Haut und den schönsten Afrolocken, die ich je gesehen habe, um einen Gastartikel. Bin ich froh, als sie mich auslachte, weil ich befürchtete, nur schon die Frage nach diesem Artikel könnte rassistisch sein…. Und nun freue ich mich, das Wort an Monika zu übergeben.

Hallo, ich heisse Monika und bin Mami eines Wirbelwindes (3) und eines Bücherwurms (11). Zugegebenermassen bin ich manchmal furchtbar bünzlig. Ich bin in Wetzikon (ZH) geboren und meine Herzensstadt ist Zürich. Meine Mutter hat ihre Wurzeln in der Innerschweiz und mein leider bereits verstorbener Vater war aus Kenia. Mein Freund kommt aus dem schönen Vorarlberg.

Die Wenigsten bringen meinen Namen mit Afrolocken und einem Cappuccinohautton in Verbindung und so werde ich im Sommer regelmässig gefragt ob ich mich bei 25 Grad plus nicht gerade besonders wohl fühle. Schliesslich sei es da, wo ich herkomme, bestimmt viel wärmer … Schon ist er da, der unterschwellige Kommentar zu meinem Äusseren. Und nein verdammt nochmal, ich hasse diese Sauhitze und würde am liebsten in einem Dauerwinterland leben (aber dann würde mir meine wundervolle Schweiz und vor allem Zürich fehlen). 

Ich bediene kein Klischee für andere und ich lasse mich nicht in eine exotisierte Schublade stecken. Meinen Ankeziger und meine Cervelat liebe ich über alles, genauso wie das Gläschen Wein in geselliger Runde. Und meine Haare sind keine frei zugängliche “Berührungserfahrung, die man immer mal machen wollte”.  Ob ich dies als Erniedrigung empfinde oder dahinter lediglich die natürliche Neugierde eines Mitmenschen vermute, hängt von den Umständen der Begegnung ab. 

Auch treffe ich regelmässig auf verdutzte Gesichter, wenn jemand zwar meinen Namen kannte, mich aber zum ersten Mal sieht. Zudem wird mein Freund konsequent mit meinem Mädchennamen angesprochen. Denn wenn nicht angeheiratet, woher sollte ich sonst einen so schweizerischen Namen haben?!

Ist der Mohr rassistisch?

Als mir eines Tages das vorarlbergische Mohrenbräu mit den Worten “Das schmeckt dir sicher!” ungefragt serviert wurde, fiel mir erstmal die Kinnlade herunter. Ich hatte nicht sofort den möglichen Biergeschmack im Kopf, sondern war vollkommen damit beschäftigt, das dicklippige, dunkle Lockenkopf-Logo zu verarbeiten.

Unabhängig der Herkunft (heiliger Mauritius) des Familienwappens der Familie Mohr gibt es Traditionen, die man heute hinterfragen soll und muss. Das Logo stammt aus einer Zeit, in der Dunkelhäutige auf  abwertende Weise  zu Unterhaltungszwecken missbraucht wurden.  Nur schon deshalb kann man heute nicht einfach „nur“ den heiligen Mauritius als Grundlage des Namens nennen. Damit kehrt man wichtige geschichtliche Aspekte wie die Versklavung und den Kolonialismus unter den Tisch.  Nicht darüber zu sprechen, macht es nicht ungeschehen – da hilft auch keine multinationale Belegschaft innerhalb des Unternehmens.

Wenn das eigene Kind als „Nigger“ bezeichnet wird

Als der Bücherwurm ca. 7 Jahre alt war musste ich ihm erklären was das Wort “Nigger” bedeutet. Und, dass sein gleichaltriges Gspändli, welches es als Schimpfwort verwendete, vermutlich die historischen Hintergründe nicht kennt und sich der sozialen Degradierung nicht bewusst ist. 

Als der inzwischen 11-Jährige kürzlich im See badete, wurde er von einem ca. 6 jährigen Kind in den Arm gebissen. Das fremde Kind erschrak und rief laut: “Mami, der ist gar nicht aus Schokolade!”

Ich starrte ungläubig zu den Kindern. Bevor ich wusste ob ich lachen oder ausflippen sollte, ab Absurdität der Situation und die Naivität des Kindes (ja, ich gebe hier den Eltern die Schuld) , sah ich am Blick meines Kindes, dass in diesem Moment sein Herz gebrochen wurde.

Seine beeindruckend höfliche Art, seine ausserordentlich gute Schulleistung, sein feiner Charakter und noch so viel mehr, wurden ausgehebelt durch eine Geste, die lauter war als Worte es je sein werden. Diese Geste gab ihm überdeutlich zu verstehen, dass er nicht der vermeintlichen Norm angehört. Alles was ich tun konnte, war ihn in Arm zu nehmen. Das Gefühl seiner Tränen, die auf meine Arme herunter kullerten, werde ich nie vergessen.

Ich bin ein Mensch, keine Hautfarbe

Ich bin in erster Linie ein Mensch und nicht eine Hautfarbe, eine Kultur oder ein Bildungsabschluss.

Hier soll ich über ein komplexes Thema schreiben, das die Welt bewegt. Ich habe keine finalen Antworten. Alltagsrassismus ist vielseitig, oft unbedacht und meines Erachtens keine Frage der Hautfarbe sondern oft von Ignoranz und mangelndem Anstand geprägt. Die meisten Menschen möchten keine Rassisten sein und dennoch sind sie sich dem aktiv ausgeübten Alltagsrassismus nicht bewusst. 

Alltagsrassismus macht vor keinem Geschlecht, keinem Sozialstatus, vor keiner Hautfarbe und vor keinem kulturellen Hintergrund halt. Das Messen mit zweierlei Mass ist eine der hässlichen Seiten von Alltagsrassismus, das sich bei Bewerbungen, an der Clubtür, bei der Wahl potentieller Partner oder beim Check durch den Zoll/Sicherheitsbeauftragter genauso zeigen kann wie hinter den verschlossenen Türen einer multikulturellen Familie.

Menschen vorzuverurteilen, in Stereotypen zu pressen und rassistische Denkschemen über Generationen weiterzugeben, führt dazu, dass unsere Gesellschaft immer weiter gespalten wird. Wir schulden es nicht nur uns, sondern auch unseren Kindern und deren Nachkommen, das zu stoppen.

Ich würde ich mir wünschen, dass über Diskriminierungen aufgrund von Hautfarbe, Sprache oder Nationalität im Arbeitsleben, dem Schulumfeld und im Alltag offen diskutiert werden kann. Uns sich durch dieses Bewusstsein allmählich eine Verbesserung einstellt. Und zwar ohne dass dabei lamentiert wird, dass das Thema bereits hinlänglich diskutiert worden sei. Denn es ist erst genug wenn sich grundlegend etwas ändert.

„Ich habe es nicht so gemeint“ reicht nicht

Alltagsrassismus ist oft subtil und dennoch nicht minder verletzend. Und es ist nicht okay nur weil man “es nicht sooooo gemeint” hat. Die Anerkennung von Alltagsrassismus und dessen Folgen sind ein erster wichtiger Schritt. Mikroagressionen gehören auch dazu, wie zum Beispiel wenn mir jemand das Kompliment macht, dass ich fliessend schweizerdeutsch spreche. 

Übt euch nicht in stillschweigender Zurückhaltung wenn ihr Zeugen werdet von Alltagsrassismus. Übernehmt Verantwortung für euer eigenes Denkschema und weist euer direktes Umfeld auf solche alltagsrassismusbeladene Situationen hin. 

Rassismus ist ein geschaffenes System ,welches durch uns alle wieder abgeschafft werden muss. Als “person of color” kann ich das System nicht alleine ändern, aber ich kann versuchen ein Bewusstsein zu erzeugen bei jenen, welche eine Veränderung bewirken können.

Deborah

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