Mit kleinen Kindern im Grand Hotel – geht das?

Als ich die Medienmitteilung der Villa Castagnola in Lugano im Tessin las, in der das 5-Sterne-Hotel ankündigte, künftig mehr auf Familien setzten zu wollen, dachte ich mir: „Wow, die sind ja mutig!“ Als wir dann die Einladung für eine individuelle Pressereise ins Grand Hotel bekamen, dachte ich mir: „Ok, die sind ja komplett wahnsinnig. Ob die wohl wissen, was sie sich da eingebrockt haben?“ Unsere Kinder mögen zwar zuckersüss sein. Trotzdem sind unsere Kinder auch 3 und 5 Jahre alt. Sie haben einen riesigen Bewegungsdrang und mögen nie im Leben durch ein 4-Gang-Menü am Tisch sitzen. Aber dazu später mehr…

Trotzdem nahmen wir die Einladung natürlich an. Jetzt in den Herbstferien bietet die Villa Castagnola nämlich in Zusammenarbeit mit „Be free go green“ ein Kinderprogramm an mit Schwerpunkt auf nachhaltige Aktvititäten. Dieses Programm wollten wir testen. Und ausserdem: Was wäre das Leben schon ohne Herausforderungen?

Wie immer reisten wir mit dem Zug an, und waren in nur knapp mehr als zwei Stunden von Zürich in Lugano. Unser erster Eindruck der Villa Castagnola? „Wow!“ Ich war ja nur ein klein bisschen eingeschüchtert. Doch das Personal nahm mir diese Befangenheit sofort. Mit einem strahlenden Lächeln gingen sie auf die Kinder zu und fragten, ob sie sich das Spielzimmer anschauen wollten, während Mama und Papa eincheckten? Wollten sie natürlich nicht. War auch in Ordnung. Denn wie sich wenig später im Zimmer mit Blick auf den Monte San Salvatore hinausstellte, hatten unsere Kinder ihre ganz eigenen Pläne.

Baden, Basteln, Marroni sammeln

Baden! Am liebsten die ganze Zeit und den ganzen Tag. Besonders, als die lieben Kinderchen den grossen und wunderbar warmen Whirlpool entdeckten, gab es kein Halten mehr. Oder besser gesagt kein Alternativprogramm. Sie machten uns sehr klar, dass sie den Whirlpool nicht verlassen wollten. Nie mehr! Und ja, eigentlich wäre der Whirlpool den Erwachsenen vorbehalten. Eigentlich müsste man leise sein in diesem Bereich. Da wegen Corona aber sowieso nur zwei Personen oder eine Familie den separaten Raum betreten dürfen, kamen wir zum Schluss, dass es ok sei, unsere Kinder dort planschen zu lassen. Und das Hotel-Personal war sowieso dieser Meinung.

Mit etwas Überredungskunst schafften wir es dann doch noch ins Kinderzimmer, wo die Agentur „Be free go green“ täglich Kinderbetreuung ab vier Jahren mit den unterschiedlichsten Aktivitäten anbietet. An diesem Nachmittag war Kreativatelier mit Aida angesagt. Aida mit ihrer Engelsgeduld bastelte mit C. ein Sparbüsi. Ich möchte betonen, dass es C. sehr wichtig war ein Büsi und kein Schwein zu basteln. Und auch der Babybruder bastelte ein Musikinstrument, dass den Pferdeschritt imitiert.

Das grosse Highlight des Babybruders war das täglich Geschichtenerzählen um 16 Uhr. Respektive das Zvieri, das dazu serviert wurde. Die Früchte, ja, die fand er in Ordnung. Das Stück Aprikosenkuchen hingegen so sensationell, dass Aida charmant noch ein weiteres Stück in der Küche bestellen musste.

An einem Tag verliessen wir die Villa Castagnola dann tatsächlich noch. Wir nahmen die Seilbahn auf den Monte Brè, die direkt hinter dem Hotel liegt. Oben angekommen wollten wir eigentlich nur auf den Spielplatz gehen, die Aussicht geniessen, eventuell etwas spazieren. Doch da merkten wir, dass die Marroni-Saison begonnen hat. Mama konnte es nicht lassen, einen grossen Sack voller Marroni zu sammeln, die wir zu Hause selber rösten wollen.

Die Krux mit den unterschiedlichen Gästen

Nur wie um alles in der Welt kommt man als wahnsinnig elegantes Grand Hotel mit sehr gediegenen Gästen darauf, aufs Familiensegment zu setzen? „Die Idee hatten wir tatsächlich schon länger. Auch wir müssen unsere Zielgruppe erweitern. Nur die Hotelbesitzer waren anfangs etwas skeptisch, ob die eher ältere, Ruhe suchende Kundschaft, sich nicht an den Kindern stören würde“, erzählt Resident Manager Massimiliano Ferrara lachend.

Während des Covid-Lockdowns reifte der Entschluss: Im Sommer wagte die Villa Castagnola einen ersten Sprung ins Familiensegment. Und das ging so viel besser als erwartet: „Die Kinder fühlen sich bei uns offenbar sehr wohl. Klar, sind sie ab und zu etwas lauter und rennen herum. Aber dafür muss hier auf Platz sein.“ Bis jetzt hätten sie tatsächlich noch keine einzige Beschwerde gehabt.

Das bestätigt das Grand-Hotel-Team in seinem Tun – auch im Winter soll weiterhin ein Kinderprogramm, respektive eine Kinderbetreuung angeboten werden. Und, wenn alles gut läuft, soll auf den nächsten Frühling hin im wundervollen Garten der Villa ein Spielplatz entstehen.

Ein Abendessen im Gault-Millau-Restaurant

Und dann gab es noch das, wovor wir fast am meisten Angst hatten: Das Abendessen. Das Restaurant „Le Relais“ der Villa Castagnola hat nicht umsonst 14 Gault Millau Punkte. In der Halbpension ist ein 4-Gang-Menü inbegriffen, die Kinder dürfen aus der Kinder-Karte frei auswählen (Aa ist alles drauf, was Kinder so glücklich macht: Pasta, Gnocchi, Chicken Nuggets mit Pommes Frites, Schnitzel. Ja, es gäbe auf sehr gesunde Optionen aber die ignorierten unsere Kinder natürlich…). Nur, wie sollten es unsere Kinder durch ein 4-Gang-Menü schaffen wenn das Restaurant erst um 19 Uhr öffnet? Und wie fest würden sie schreien müssen, wenn das Essen nicht schnell genug käme?

Am ersten Abend wagten wir das Experiment. Tatsächlich, keines der Kinder schrie. Allerdings war der Babybruder so müde, dass er auf Mamas Schoss einschlief, noch bevor sein Essen kam. Und auch C. meinte nach ihrer Gnocchi-Mahlzeit – wir Eltern hatten gerade die Vorspeise hinter uns gebracht – ob wir jetzt endlich ins Zimmer gehen könnten? In anderen Hotels würde das für Eltern bedeuten, hungrig ins Bett zu gehen. Nicht so in der Villa Castagnola. Der Service ist hier generell unglaublich, habe ich das schon erwähnt? Auf jeden Fall wurde veranlasst, dass uns die restlichen Gänge aufs Zimmer gebracht wurden. Nachdem unsere Kinderchen friedlich eingeschlafen waren.

Dieses Angebot gilt übrigens generell: Für fünf Franken kann man sich das gesamte Menü aufs Zimmer bringen lassen. Dies taten wir am Folgeabend. Die Kinder hatten viel Spass, wir Eltern waren unglaublich entspannt. Nur C. bereute ein wenig, dass sie nicht ins „wunderschöne Restaurant“ durfte und nahm sich fest vor, am letzten Abend erneut dorthin zu gehen. Ob es wohl klappen wird (Update: hat es nicht)?

* Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise in das Grand Hotel Villa Castagnola. Vielen Dank für die Einladung, wir haben jede Sekunde genossen!

Weitere Ausflugstipps für Lugano findet ihr hier und hier.

Deborah

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