Home HomeDeshalb schicke ich mein Juli-Kind in den Kindergarten

Deshalb schicke ich mein Juli-Kind in den Kindergarten

Weshalb Zurückstellen nicht immer die beste Lösung ist

by Deborah

Eigentlich war für mich schon immer klar: Juni- und Juli-Kinder gehören zurückgestellt. Ich konnte einfach nicht glauben, dass irgendein Kind mit knapp vier Jahren schon bereit für den Kindergarten wäre. Zu klein schienen sie mir, zu fragil, zu wankelmütig, zu wenig unabhängig. Als Mama zweier Herbstkinder musste ich mir diese Frage zum Glück nicht stellen. Denn mit fast fünf Jahren waren meine Grossen definitiv bereit für den Kindergarten.

Und dann kam Kleinbub auf die Welt. Ein Juli-Kind, rechnete ich mir aus. Und wenn es ein Junge würde, dann würde er definitiv ein Jahr länger in der Kita bleiben. Denn Jungs – so meine Meinung damals – bräuchten generell ein bisschen mehr Zeit. Und dann kam Kleinbub auf die Welt und war so anders als seine Geschwister. So viele Dinge musste ich mit ihm neu lernen, so viele festgefahrene Meinungen überdenken.

Ein Kind, das mich immer wieder überraschte

Dazu gehörte auch die Einstellung, dass ein Kind mit knapp vier Jahren zu jung für den Kindergarten wäre. Kleinbub hielt noch nie viel davon, klein zu sein. Zwar kämpften wir lange Zeit mit Körpergrösse und Gewicht. Noch immer gehört mein Kind zu den Kleinsten seines Alters. Doch Körpergrösse war für ihn noch nie ein Grund, sich klein zu fühlen. Schon im Babyalter war er immer bei den Grossen mit dabei. Suchte sich mit Vorliebe sehr viel ältere Mädchen als Freundinnen aus. Traute sich alles zu, was sich die Grossen zutrauten. Ganz nach dem Motto: „Ich will das machen. Ich kann das.“ Und wie er es konnte.

Kleinbub war motorisch schon immer sehr geschickt unterwegs. Er kletterte, fuhr Velo oder Schlittschuh, spielte Hockey oder Fussball, wie so manches Schulkind noch nicht. Auch seine feinmotorischen Fähigkeiten brachten mich als Grobmotorikerin immer wieder zum Staunen. Und dann waren doch noch seine intellektuellen Fähigkeiten: Natürlich musste er mit den Geschwistern mithalten, die Buchstaben, Zahlen und Fremdsprachen übten. Natürlich musste er die Mama in Grund und Boden argumentieren, wenn er für seine Rechte als Kleinkind einstand.

Und doch zögerte ich einen Moment

Entsprechend war mein Kleinkind oft unterfordert, wenn er mit Gleichaltrigen oder gar Jüngeren zusammen war. Die Kita-Tage wurden zu grossen Dramen: „Da ist es soooooo langweilig“, monierte Kleinbub. Für ihn war klar, dass sein Platz nicht in der Kita war. Sondern mindestens im Kindergarten, wenn nicht sogar in der Schule. Als die Anmeldung für den Kindergarten im Januar in unserem Briefkasten landete, zögerte ich trotzdem einen Moment.

Zwar erfüllte Kleinbub bereits alle Kriterien für den Kindergartenstart. Körperlich war er gut entwickelt, er war sehr selbstständig, von der Motorik musste man gar nicht erst reden. Doch das Sozialverhalten entsprach eben doch einem 3.5-Jährigen: Er war ungeduldig und mochte sich so gar nicht mit gleichaltrigen Kindern abgeben. Kleinbub war aber so davon überzeugt, in den Kindergarten zu wollen, dass wir ihn doch anmeldeten und hofften, dass er im Sozialen bis August noch einen Entwicklungssprung machen würde.

Und das tat er. Bereits im Frühling lernte er mit gleichaltrigen Kindern zu spielen und baute sich ein Netz an Freundschaften auf. Er kümmerte sich liebevoll um kleinere Kinder. Half Gleichaltrigen beim Klettern oder Ball spielen. Lernte Durchhaltevermögen und akzeptierte Regeln bei Gesellschaftsspielen. Und wenn da noch ein kleiner Funke Zweifel war, dann wurde dieser spätestens beim Besuchstag im Kinderarten ausgeräumt: Während sich andere Kinder mit Tränen in den Augen an ihre Eltern klammerten, verabschiedete sich Kleinbub mit einem Kuss und entdeckte mit seinen neuen Freund:innen den Kindergarten. Und ich konnte sagen: Ja, mein Kind ist definitiv bereit für diesen neuen Lebensabschnitt.

Weitere Infos zum Thema Kindergartenreife und Rückstellung:

Unsere Erfahrung mit Kleinbub hat mir vor Augen geführt: Nicht das Geburtsdatum entscheidet, ob ein Kind bereit für den Kindergarten ist – sondern die individuelle Entwicklung. Auch ein Sommerkind kann, mit vier Jahren, bereit für diesen grossen Schritt sein – wenn es die nötige Reife mitbringt.

In Zürich und vielen anderen Gemeinden wird empfohlen, bei der Einschätzung der Kindergartenreife auf bestimmte Erfahrungen und Fähigkeiten zu achten. So fällt der Start oft leichter, wenn ein Kind:

  • schon erlebt hat, wie es ist, ohne Eltern für einige Stunden in einer Gruppe zu sein
  • sich selbstständig an- und ausziehen und zur Toilette gehen kann
  • einfache Anweisungen auf Deutsch versteht und umsetzt
  • sich für eine gewisse Zeit auf ein Spiel oder eine Tätigkeit konzentrieren kann
  • verantwortungsvoll mit Materialien und Mitmenschen umgeht
  • mit anderen Kindern interagiert – sei es beim Rennen, Klettern, Malen oder Aufräumen

Manche Kinder sind mit vier Jahren noch nicht so weit – und das ist völlig in Ordnung. In Zürich besteht die Möglichkeit, den Kindergarteneintritt um ein Jahr zu verschieben, wenn absehbar ist, dass ein Kind sonst überfordert wäre. Die Einschätzung sollte aber nicht allein erfolgen.

Wer unsicher ist, kann sich an die Kinderärztin, Spielgruppenleitung, Krippe oder direkt an die Schulleitung im Wohnquartier wenden.

Am Ende gilt: Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“ – nur das, was für das eigene Kind stimmt. Und genau darauf kommt es an.

Weitere Infos:

 

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1 comment

Carla 13. Juli 2025 - 22:34

Danke für deinen tollen Input! Ich bin Mama von E Kids und Kindergarten-/Unterstufenlehrperson… Schon oft habe ich beobachtet, dass zurückgestellte Kinder dann ein Jahr später bei der 1.Kindergartengruppe herausstechen und unterfordert sint! Ebenso finde ich, dass man vor allem Sozialverhalten unter Gleichaltrigen in einer grossen Gruppe besser üben kann als zuhause. Jedes Kind ist anfers, oft staune ich, wenn ich ein Kind als eher unreif empfinde und dann im Geburtstagskalender nachschaue. Es sind oft nicht die jüngsten, die auffallen. Meistens kommt es auf die Erziehung und die Familienkonstellation an. Ein durchlässigeres System für den Eintritt in den Kindergarten (zB halbjährlich) wäre eine gute Verbesserung dieser Situation! Und ich nerve mich oft sehr, wenn man sich erklären muss, weshalb man ein junges Kind nicht zurückstellt!

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