“Aber ich will Eisteeeeeeeeee!”

Bevor ich Kinder hatte, gehörte ich zur Spezies der Kinderlosen, die alles besser wussten. Besonders, wenn es um Kinder gingen, die sich im Supermarkt weinend zu Boden warfen, weil sie das Pack Gummibärli nicht bekamen. Mein Kind würde das sicher nie machen. Das wäre doch alles nur eine Frage der Erziehung. Und überhaupt.

Und dann, vor nicht allzu langer Zeit passierte mir genau das. Nein ich korrigiere. Es war nicht im Supermarkt. Es war sogar noch davor. Und Klein C. wollte keine Gummibärli, sondern Eistee. Und es geschah aus heiterem Himmel. Die Laune war eigentlich gut. Wir kamen gerade vor einem Spaziergang zurück. Und C. durfte mich zum ersten Mal auf ihrem Trottinett begleiten.

Und da waren sie – die Blicke der Anderen

Doch plötzlich, ganz plötzlich schrie es: “Ich will Eistee!” ich schaute mein Kind – das höchstens Mal an einem Fest oder im Restaurant Süssgetränke bekommt – entgeistert an und meinte: “Nein, sicher nicht.” Da unterschätzt ich meine Tochter komplett: “Aber ich will Eistee”, schrie es noch lauter und warf sich zu Boden. Selbstredend hatte man zuvor das Trottinett effektvoll ebenfalls zu Boden geworfen.

Erste Blicke folgten. Mitfühlende, belustigte, genervte. Ich versuchte zu schlichten: “Komm C., wir gehen nach Hause und machen dort selber Eistee.” Sie abzulenken: “Komm C., wir gehen nach ein bisschen in den Innenhof spielen. Deine Freundin wird sicher auch da sein.” Zu bestechen: “Komm C., wir kochen zu Hause Nachtessen und danach kannst du noch ein Schöggeli haben, wenn du magst.” Ich bin mir sicher, dass ich damit schon alle Montessori-, Attachement Parenting und Unerzogen-Regeln gebrochen habe.

Und das Kind? Es schrie weiter. Es lag immer noch am Boden. Tränen flossen aus den Augen und Rotz aus der Nase. “Neeeeeein” und “Ich will Eistee”, waren die einzigen Worte, die ich in dem Heulkrampf noch ausmachen kann. Der Babybruder weinte in der Zwischenzeit natürlich längst solidarisch mit.

Sie tat mir unglaublich leid. Ich nahm sie in den Arm, sagte ihr wie lieb, dass ich sie habe und meinte, sie könne zu einem späteren Zeitpunkt Eistee haben. Das schien sie zu beschwichtigen. “Wenn ich dann gross bin, Mama, ja?” “Ja C., wenn du erwachsen bist, kannst du so viel Eistee trinken, wie du magst.”

Corpus Delicti: der Kinderwagen

Und ich dachte mir, wir hätten die Krise überwunden. Falsch gedacht. Als ich sie aufforderte, ihr Trottinett mitzunehmen, ging es weiter: “Ich will in den Kinderwagen!” Tatsächlich war dies der erste Tag, an dem ich den Babybruder in den Wagen setzte, statt ihn im Tuch zu tragen. “Aber C., es sind nur 200 Meter und ich habe kein Tuch für den Babybruder dabei. Komm wir machen ein Wettrennen.”

Die Tatsache, dass sie nicht in den Kinderwagen sitzen durfte, war zu viel für mein armes, fast 3-jähriges Mädchen. Zuerst versuchte sie den Babybruder mit aller Gewalt aus dem Sitz zu zerren. Dann warf sie sich wieder auf den Boden. Und plötzlich war ich die Mutter, die mit ihrem Kind komplett überfordert war. Ich hob C. hoch, warf sie mir über die Schulter und trug sie nach Hause.

Versöhnt haben wir uns dann, als sie in der Wohnung wieder im Wagen sitzen durfte und ich ihr ein Buch vorlas, den Babybruder auf dem Schoss. Seither mache ich einen grossen Bogen um diesen Coop…




Deborah Lacourrege

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