Wie ich zur “anonymen Tragetuchabhängigen” wurde

Ihr habt richtig gelesen, ATTAs nennt man uns in der Szene. Der Papa hat schon mal mal über meine “Sucht” geschrieben. Einige Dinge hat er noch nicht ganz verstanden… deshalb hier meine Replik:

Anfangen will ich ganz am Anfang. Klein C. habe ich nämlich bis zu ihrem ersten Geburtstag nie im Tuch getragen. Nun ja… fast nie. Während ihrer Trageverweigerungsphase hatte ich mal ein elastisches Tuch ausprobiert. Ich fand diese wahnsinnig bequem. C. hingegen protestierte lauthals. Also habe ich es gelassen und C. weiterhin in handelsüblichen Tragehilfen transportiert.

Ein schleichender Einstieg

Kurz vor ihrem ersten Geburtstag wollte C. unglaublich viel getragen werden. Mein Rücken, meine Schultern, mein Kreuz schmerzten in meinen Tragen immer stärker. Eine bessere Lösung musste her. Und schwups, war ich in die Klauen der Trageszene geraten.

Eine Trageberaterin brachte mir den Ringsling und eine (ich gebe es zu) sehr teure Trage “Made in Switzerland” näher. Ich wusste sofort, dass ich beides haben musste. C. und ich – wir beide hatten das Bedürfnis zu tragen. Daran, ein Tuch zu binden traute ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Doch irgendwie rutschte ich immer weiter in die Welt der Tücher rein. Einer Person (ja, genau du bist gemeint!) gebe ich dafür die Hauptverantwortung. Ich entdeckte wunderbare Designs – ja, Tücher sind so viel mehr als Orange-Rot-Braune-Streifen. Und zu schönen Dingen kann ich ja selten “Nein” sagen. Ich war noch im zweiten Trimester mit dem Babybruder schwanger, als ein wunderschönes (und ziemlich teueres) Tuch bei uns einzog. Ein Zweites folgte bald. Ja, der Papa hat recht, es war zur Sucht geworden.

Eine Sucht, die uns allen gut tut

Trotzdem sieht er ein, dass Frau mindestens vier Tücher braucht, wenn sie exklusiv trägt. Zwei unterschiedliche Längen um vorne und hinten zu binden – sowie einen Ersatz wenn das Tuch mal in die Wäsche muss. Ok, einige unter euch werden jetzt wohl sagen, dass man die Tücher nach Möglichkeit gar nicht waschen soll. Aber was soll man machen… wenn das Kind praktisch im Tuch lebt, wird auch mal drauf gespuckt oder es landen Essensreste drauf (ja, auch auf dem Kinderkopf waren die schon zu finden).

Und dann, ja, Frau will schliesslich unterschiedliche Materialien ausprobieren. Wie binden sich Leinen, Buchenholzviskose oder Kashmir? Spielt es wirklich eine Rolle, ob das Tuch “Made in Austria”, “Made in Switzerland” oder “Made in Scotland” ist? Welchen Einfluss haben die unterschiedlichen Designs auf die Bindequalitäten? Und überhaupt, das Tuch muss ja schliesslich zum Outfit passen!

Ich könnte noch Ewigkeiten nach Rechtfertigungen suchen. Das tut ein Süchtiger schliesslich. Aber an dieser Stelle lasse ich es einfach mal stehen. Das Tragen im Tuch tut dem Babybruder und mir gut. Wir bekommen beide unsere tägliche Dosis Oxytocin und kann gleichzeitig im Kleinkind hinterherrennen. Ich kaufe mir aktuell statt Kleider (die sowieso noch nicht passen würden) einfach Tücher. Auch Mamas dürfen ab und zu ein bisschen shoppen, oder? Für den Papa ist das mehr als in Ordnung. Zumal es Mama mit ihrem eigenen Geld tut. Zwei meiner Tücher hat er mir sogar gekauft.

Ein grosses Rätsel geben dem Papa noch die Tuch-Facebook-Gruppen auf: Da werden Tuch-Selfies gepostet und Tücher in den Urlaub geschickt. Ja, man leiht sein teures Tuch manchmal einfach einer wildfremden Person aus. Einfach so, weil man denkt, dass diese sich darüber freuen würde. Unter den Tuch-Selfies jammert man gemeinsam über schwierige Nächte und kranke Kinder. Ich mag diese Tuch-Gruppen wirklich gerne. Denn hier sind Mamas, was sie untereinander sonst leider oft nicht sind, solidarisch und hilfsbereit.




Deborah Lacourrege

2 Comments

  1. Antworten

    schokominzabonn

    12. Februar 2018

    Witzige Sucht 😀
    Ich hatte zwei verschiedene Tücher. Eins hat mir meine Schwester ausgeliehen und eins habe ich mir selbst gekauft, weil es so wunderschön war (und besser). Ich fand es auch praktisch, die (kleine) Große im Kinderwagen/Buggy zu schieben und die kleine hatte ich im Tragetuch. So kam man auch besser in Busse, als mit einem Geschwisterwagen beispielsweise.

  2. Antworten

    wanderindli

    14. Februar 2018

    Oh ja, das kommt mir so bekannt vor… Und zum Glück gibt es immer jemanden, der für die Sucht schuldig ist;) Und ich brauch seit heute zum Glück keine Ausrede mehr… das Wanderindli heute: «Nein Mami, du hast keine Tücher… das sind alle meine!»…
    Und ich glaub, die Urlaubsgeschichte ist für unsere Männer schwer zu verstehen… aber ja, ich freu mich über jeden Urlauber ( ich glaub von dir war auch schon eines bei uns 😉 )

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