Wie zwei Schweizer Hebammen den Flüchtlingsmamas helfen wollen

Wie habe ich es nur genossen, im Wochenbett umsorgt zu werden. Zuerst im Spital. Später dann zu Hause von meiner liebsten Hebamme, die nicht nur den Babybruder gewogen hat, sondern sich auch meine Ängste und Sorgen angehört hat. Was hier in der Schweiz Teil der Grundversorgung ist, ist in den Flüchtlingscamps auf dem Balkan Mangelware. Dies wollen die Hebammen Eliane Reust und Laura Alemanno ändern: mit ihrer mobilen Praxis wollen sie Schwangeren und jungen Mamas vor Ort zur Seite stehen. Wie sie das genau machen, lest ihr im Interview. Eine kleine Anmerkung meinerseits: ihr könnt MAMbrella aktuell per Crowdfunding unterstützen.

Wer seid ihr?

Wir sind zwei junge Hebammen, welche beide den Beruf der Hebamme auf zweitem Bildungsweg in Angriff genommen haben. Laura (30) arbeitete zuvor als Fachfrau Gesundheit und Eli (32) absolvierte eine kaufmännische Lehre und arbeitete anschliessend im Sales & Event Bereich. Kennengelernt haben wir uns am ersten Tag unseres Studiums. Schnell war klar, dass wir gemeinsam diesen Weg zur Hebamme gehen werden. Die Krönung war unsere gemeinsame Bachelor Thesis zum Thema: Hebammeninterventionen zur Förderung der Mutter Kind Bindung bei postpartaler Depression.

Wir wohnen beide in WG’s, Laura in Basel und Eli in Zürich.

Wie seid ihr auf die Idee für MAMbrella gekommen? Habt ihr schon Erfahrungen im humanitären Bereich?

Eli war im Frühjahr/Sommer 2017 für 10 Wochen in serbischen Flüchtlingscamps als Volontärin für die Borderfree Association tätig. Während dem Aufenthalt lernte sie viele schwangere Frauen kennen und musste feststellen, dass nur eine minimale Betreuung stattfand.

Sie besuchte regelmässig die frischgebackenen Mütter und versorgte sie mit Windeln oder Binden (die Neugeborenen erhalten lediglich 3 Windeln pro Tag) Während sie bei diesen Frauen zu Besuch war, realisierte sie schnell, dass diese Mütter genau die gleichen Bedürfnisse und Sorgen haben wie die Schweizer Mütter. Sie waren froh, jemanden zu haben mit dem sie darüber reden konnten. Auch wenn die Verständigung teils äusserst schwierig war, konnte man sich mit Händen und Füssen verstehen.

Die Idee für einen mobilen Hebammenbus kam vor dem Einschlafen und die Träumerei begann. Nach Eli’s Rückkehr erzählte sie Laura von der Idee und das Feuer war entfacht. Wir schlenderten gemeinsam durch die Wiener Gassen und malten uns unseren Hebammenbus aus.

Ende August erzählten wir der Borderfree Association von unserer Idee. Seither sind wir mit viel Herzblut daran die Idee vom Papier in die Tat umzusetzen . Die Borderfree Association ist eine Non-Profit Organisation welche seit Beginn der Flüchtlingskrise im Balkan mit einem steten Team an Freiwilligen vertreten ist. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Organisation erarbeitet und unter unserer Leitung umgesetzt, geplant, evaluiert und den gegebenen Umständen angepasst.

Laura engagierte sich in Buenos Aires während drei Monaten zusammen mit anderen Hausgeburtshebammen für das Wohlergehen von Schwangeren und Ihren Neugeborenen. Sie begleitete die Hebammen zu Hausgeburten und Hausbesuchen und organisierte diverse Workshops.

Eli war vor etwa 7 Jahren ausserdem bereits in Indien für 4 Monate als Volontärin in einem Waisenhaus  und in einer Slumschule tätig.

Wie würdet ihr die Situation in den Flüchtlingscamps beschreiben?

Die Situation war folgendermassen: In den drei Flüchtlingscamps in denen Eli für die Borderfree Association arbeitete, waren um die 1000 Personen. Im grössten Camp in Presevo lebten die Geflüchteten in einer ehemaligen Fabrik. In jedem Schlafsaal waren um die 300 Personen untergebracht. Die Privatsphäre war gleich Null, da die „Zimmer“ lediglich durch Vorhänge getrennt werden konnten.

Die Geflüchteten erhalten eine minimale Grundversorgung. Doch viele von ihnen lebten damals bereits seit 8 Monaten im Camp, es wurde zum Dauerzustand.

Für die Kinder wurden Schulklassen eingerichtet. Für die Kleinen wird einiges an Unterhaltung geboten. Die Schweizer  Non-Profit Organisation Borderfree Association for human rights leistet grossartige Arbeit vor Ort, indem sie Schulunterricht für die Erwachsenen anbietet, ein Chai-Haus eingerichtet hat und immer wieder für Spezialfälle einspringt.

In Presevo gibt es ausserdem Ärzte und einmal wöchentlich ist ein Gynäkologe vor Ort. Das bedeutet, dass die schwangeren Frauen eine grundlegende medizinische Versorgung erhalten. Allerdings ist dies nicht in allen Camps der Fall. Ein mobiler Hebammenbus wäre eine ideale Möglichkeit, um diese Lücken zu schliessen. Mit unserem Projekt möchten wir ein Bindeglied zwischen den Frauen und den bereits bestehenden Strukturen, wie den Spitälern und Gynäkologen, sein und neben der Schwangerenvorsorge und Wochenbettbetreuung zusätzlich Aufklärung und Prävention betreiben.

Wir möchten gezielt junge Frauen, Schwangere und Mütter mit ihren Neugeborenen professionell betreuen und ihnen in ihren Anliegen rund um Frauengesundheit, Schwangerschaft  und Wochenbett zur Seite stehen. Die mobile Hebammenpraxis hat keinen festen Standort und soll den Frauen im intimen Rahmen einen Ort der Selbstbestimmung und Kontinuität bieten, an welchem sie trotz ihrer unsicheren Lebenssituation gehört, respektiert und als Mütter gesehen werden.

Ein solches Projekt ist sehr zeitaufwändig. Wie organisiert ihr euch?

Wir werden beide unsere Jobs per April kündigen und ab dann mit unserem Bus unterwegs sein. In der Initialphase des Projektes werden wir beide vor Ort sein. Wir haben etwas Geld gespart, so dass wir für die ersten 6 Monate ohne Lohn über die Runden kommen. Mittelfristig möchten wir mit lokalen Hebammen zusammenarbeiten und sie in die Arbeit einführen. Unser Wunsch wäre, dass wir mit MAMbrella lediglich einen Anstoss geben, wie man im Kleinen Grosses bewirken kann und dass unsere Idee durch lokale unabhängige Hebammen weitergeführt werden kann.

Wofür setzt ihr das Crowfunding-Geld ein?

Das Geld wird in erster Linie für die Anschaffung des Fahrzeuges und die benötigte Materialausrüstung wie z.B. ein Dopton zur kindlichen Herztonableitung verwendet. Wir haben einiges an Ausrüstung, wie etwa eine Babywaage bereits zugesagt bekommen, so dass wir die Ausgaben für Material möglichst gering halten können. Weiter wird das Geld für unsere Starterkits (etwa Binden oder Windeln) eingesetzt, für Benzin und den gesamten Unterhalt der Hebammenpraxis.

Welches sind eure langfristigen Ziele für MAMbrella?

Wir wünschen uns, dass MAMbrella durch lokale Hebammen mit genauso viel Herzblut wie wir es haben, weitergeführt werden kann. Dadurch, dass MAMbrella keinen fixen Standort hat, können wir stets da sein, wo es uns am dringendsten benötigt und uns jeweils den gegebenen Umständen anpassen.

Natürlich würden wir uns wünschen, dass es in langfristiger Zukunft keinen solchen Ort mehr brauchen würde, doch wagen wir dies zu bezweifeln. Deshalb wollen wir da einspringen, wo Not an der Frau ist.

Deborah Lacourrege

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