Unsichtbare Mama vs. sexy Papa

“Darf ich mal euer Baby ausleihen? Ich habe gehört, das sei ein guter Flirtfaktor”, meinte mein Bruder vor nicht allzu langer Zeit. Baby = Flirten? Wie bitte? Habe ich etwas verpasst?

Als Frau habe ich mich noch nie so unsexy gefühlt wie auf dem Spielplatz. War ich vorher der Meinung, nicht vollkommen unattraktiv zu sein und wurde ab und zu in der Öffentlichkeit beflirtet, so fühle ich mich nun komplett unsichtbar.

Ich bin Mama, nicht Frau

Ich bin die Mama die ihrem Kleinkind hinterher rennt, wenn es beschliesst, zu warm eingepackt zu sein sich sich in der Öffentlichkeit beginnt auszuziehen. Die Mama, die schaukelnd versucht, ihr weinendes Baby, das sie sich um den Bauch gebunden hat, in den Schlaf zu wiegen. Die Mama, die sich lautstarke Diskussionen mit ihren Kindern liefert, ob jetzt das zweite Glacé des Tages wirklich nötig ist. Die Mama, die mit so viel Gepäck auf dem Spielplatz auftaucht, dass man meint, sie gehe für eine Woche campen. Die Mama, die ihre fettigen Haare zum Dutt gebunden hat, ein Stillshirt mit Sabberflecken trägt und ihre Sonnenbrille nie ablegt. Irgendwie wollen die Augenringe ja kaschiert werden.

Ich bin Mama und nicht Frau. Nicht Sexsymbol, nicht beflirtbar. Da ich glücklich verheiratet bin, habe ich akzeptiert, dass unsere Gesellschaft Mütter nicht für sonderlich attraktiv hält. Ich verstehe es: Post-Baby-Body, Augenringe und graue Haare sind nun mal nicht das Schönheitsideal schlechthin. Ausserdem bedeutet ein Baby schliesslich, dass man mit jemand anderem Sex hatte.

Papas gelten als attraktiv

Für Männer gilt das offenbar nicht. Als ich ein Tragebild des Papas auf Instagram postet, wurde er angeschmachtet. Nicht, dass mich das gestört hätte. Er fühlte sich geschmeichelt und war glücklich. Und ich damit auch. Trotzdem nervt mich diese Ungleichbehandlung.

Augenringe, Trockenheitsfalten, schütteres Haar? “Ach wie süss, er hilft der Mama und steht nachts auch auf.”

Das Baby vor den Bauch gebunden, das Kleinkind an der Hand? “Wow, er schaut alleine zu den Kindern. Was für ein toller Mann, der Verantwortung für seine Kinder übernimmt.”

Kleine Speckröllchen am Bauch? “Ach der Arme, er kümmert sich so engagiert, dass er keine Zeit mehr für Sport hat.”

Solange selbst andere Mütter so denken, befindet sich die Gleichberechtigung noch in weiter Ferne. Und das stört mich sehr.

Übrigens: Mein Bruder meinte es natürlich nicht ganz ernst. Und nötig hat er es als grosser, attraktiver Banker Ende 20 auch nicht. Auch wenn ich es gerne sehen würde, wenn er endlich die Grosse Liebe finden und sesshaft werden würde. Interessentinnen dürfen sich gerne melden…

 

Deborah Lacourrege

2 Comments

  1. Antworten

    Tabea

    13. Juni 2018

    du sprichst mir aus der seele <3 danke für diesen beitrag!!

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